Massenhafter Arbeitsplatzverlust bei VW wegen E-Autos bleibt wohl aus

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Fraunhofer-Studie „Beschäftigung 2030“ zeigt hohen Veränderungsbedarf auf
SPD-Bezirk Braunschweig diskutiert die Ergebnisse

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Hoffnungsträger VW-E-SUV – auch für die Verkehrswende? Bild: Wikipedia

Ein E-Auto braucht weniger Teile, die zusammengebaut werden müssen. Daher werden weniger Menschen in der Produktion gebraucht. Droht nun massiver Arbeitsplatzabbau in der Region Braunschweig-Wolfsburg? Um das herauszufinden beauftragte der Nachhaltigkeitsbeirat des Volkswagen-Konzerns eine Studie beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, deren Ergebnisse auf einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion des SPD-Bezirks Braunschweig am 03. Juni 2021 vorgestellt wurden.

Die Studie rechnet mit 12% weniger Beschäftigten bei VW. Das ist die schlechte Nachricht, die allerdings nicht so katastrophal ausfällt wie von so manchem anderen Forschungsinstitut prognostiziert. Als gute Nachricht kann aufgefasst werden, dass Volkswagen bereits um 2025 mehr Elektrofahrzeuge als Verbrenner ausliefern wird und mit Beteiligung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verhalten optimistisch in die Zukunft blickt.

Was steht in der Studie

Allein nur Autos verkaufen zu wollen wird nicht reichen, will man die Zukunft des Konzerns und der Familien der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sichern. Bereits heute weist die VW-Belegschaft bis in die Produktion ein hohes Qualifikationsniveau auf, nicht zuletzt befördert durch die Mitbestimmungskultur im Konzern. Diese Ressourcen gilt es zu nutzen. Umbrüche mit hohem Konfliktpotential wird es aber dennoch geben:

  • Es werden neue Wertschöpfungsketten definiert werden müssen. In den nächsten zehn Jahren wird sich die Automobilbranche massiv verändern
  • Beschäftigungsverluste werden dann beherrschbar sein, wenn neue Geschäftsfelder eröffnet werden
  • Die Hauptverlierer werden diejenigen Mitarbeitenden sein, die sich derzeit direkt mit der Produktion und Fertigungsorganisation befassen
  • Die Digitalisierungsoffensive wird nicht sofort zu weniger Arbeit führen. Erst wenn die neuen IT-Systeme flächendeckend eingeführt wurden, werden alte hergebrachte Tätigkeiten verschwinden
  • VW muss sein Hauptaugenmerk auf die IT-Qualifizierung seiner Mitarbeitenden richten. Die Belegschaft steht vor einem Kompetenzumbau, insbesondere in den Bereichen Vertrieb und technische Entwicklung

Erwartet wird eine Umschichtung der Schlüsselkompetenzen in der Belegschaft. Neu ist die „Car-Software-Devision„, die sich um die Digitalisierung des Fahrzeugs an sich und das „autonome Fahren“ kümmern soll. Neue IT-Kräfte versucht man durch neue Wege zu rekrutieren, wie z.B. in 42 Wolfsburg e.V. Dennoch wird sich die Belegschaftsstruktur verändern:

  • So werden bis 2030 produktionsnahe Tätigkeiten und damit dort die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verschwinden
  • Das wird nicht sofort geschehen, sondern erst in etwa 10 Jahren, wenn IT-Großprojekte abgeschlossen sind
  • Das Produkt Auto wird komplexer und weist höhere Wertschöpfungsumfänge auf – Stichwort Buchen von zusätzlichen Funktionen und Services
  • Der Konzern muss seine eigenen Leute schleunigst ertüchtigen, da es gar nicht genug Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gibt

Mehr zu tun gibt es für

  • Technische Entwicklung
  • Vertrieb und Marketing
  • am meisten für die IT

Weniger…

  • für Beschaffung
  • Finanzen
  • Personal
  • Hauptverlierer ist die Produktion
  • und die steuernde Ebene – also wieder, wie bereits in anderen Bereichen – mutmaßlich der Mittelbau

gleich viel zu tun haben werden

  • Mitarbeitende in der Instandhaltung
  • Planerinnen und Planer

Der Wolfsburger SPD-Bundestagsabgeordnete Falko Mohrs moderierte die zweistündige Veranstaltung, auf der nach den Statements des Podiums die möglichen Konsequenzen aus dem Umbau des Wolfsburger Automobilkonzerns diskutiert wurden.

Die Kernaussagen der Diskutanten im Überblick

Falko Mohrs, MdB (SPD). Bild: Deutscher Bundestag

Mitbestimmung ist ein Garant dafür, dass der Konzernumbau gelingt. Wir müssen einen Plan benennen, um die Zukunft zu gestalten.

Falko Mohrs, SPD
Michael Sommer, DGB
Michael Sommer, Mitglied des Nachhaltigkeitsbeirats der Volkswagen AG. Bild: Badische Zeitung

Wir brauchen eine neue Offenheit bei VW. Ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit muss gleichzeitig gedacht werden und die Wertschöpfung muss in Europa bleiben. Wir müssen die industrielle Zukunft gestalten. VW atmet mit seinen Zulieferern. Die soziale Verantwortung darf durch VW nicht vernachlässigt werden. Wir stehen vor einer ungeheuren Veränderung der Arbeitswelt.

Michael Sommer, VW-Nachhaltigkeitsbeirat
Daniela Cavallo
Daniela Cavallo, VW-Konzernbetriebsrat. Bild: Süddeutsche Zeitung

Schwerpunkt ist die Beschäftigungssicherung, z.B. durch neue Produktionsbereiche wie die Batteriezellenfertigung in Salzgitter und innovative Produkte wie den IDBuzz in Hannover. Wo Arbeitsplätze wegfallen, muss es faire Vorruhestandsregelungen geben. Gleichzeitig muss Qualifizierung und Aufbau von IT-Expertise im Vordergrund stehen. Stichwort ist die IT-Qualifizierungsoffensive „42“. Neue Wertschöpfung muss in die Region kommen

Daniela Cavallo, VW-Konzernbetriebsrat
Flavio Benites
Flavio Benites, Geschäftsführer der IG-Metall Wolfsburg. Bild: IG-Metall Wolfsburg

Zulieferer sollen sich am Umbau beteiligen und mit einbezogen werden. Unternehmen wie der Motorenentwickler IAV Gifhorn brauchen eine Perspektive. Dennoch ist eine Beschäftigungsreduzierung zu erwarten, die sozialverträglich gestaltet werden muss. Der Status Quo wird uns nicht weiterbringen. Die Transformation der Automobilindustrie ist auch eine gesellschaftliche Transformation. Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft demokratisch bleibt.

Flavio Benites, IG-Metall Geschäftsführer Wolfsburg

Die anschließende Diskussion zeigte die ganze Bandbreite der aktuellen Herausforderungen. So wies der langjährige SPD-Europaabgeordnete Bernd Lange darauf hin, dass die Automobilindustrie einen siebenprozentigen Anteil am Bruttoinlandsprodukt hat. Wenn man Europa nicht deindustrialisieren wolle, brauche man eine Verlässlichkeit in der Planung.

Jörg Liebermann von der Gewerkschaft IG-BCE warnte davor, dass gut bezahlte Jobs wegfallen werden. Wenn immer mehr Menschen in der Dienstleistungsbranche arbeiteten, sinkt das Lohnniveau und damit der Wohlstand in der Region.

Dem widersprach teilweise Gernet Alps von der IG-Metall in Braunschweig und verwies auf VW Financial Services, die mehr qualifizierte Menschen beschäftige seien als im gegenüberliegenden Komponentenwerk. Auch sie bekräftigte, dass die bei VW institutionalisierte Mitbestimmung bei der Transformation hilft. Wo Licht ist, ist allerdings auch Schatten. So wird das Kfz-Handwerk massiv betroffen sein, da es in einem Stromer weniger Teile zu warten und reparieren gebe. VW hat jetzt die Chance, neue Mobilitätskonzepte mit zu entwickeln wie Carsharing und Sammeldienste

Die anschließende Diskussionsrunde offenbarte die ganze Bandbreite der Meinungen von Optimismus bis Ablehnung neuer Mobilitätskonzepte. Statt nur auf Stromer zu setzen, sollte man auch auf synthetische Kraftstoffe setzen, um dem Verbrennungsmotor die Zukunft zu sichern. So meinte die Helmstedter Kreistagsabgeordnete Silvia Liebermann, dass Familien auf den Dörfern noch lange auf das Auto angewiesen sein würden. Andere verwiesen darauf, dass wir schleunigst umsteuern müssen, um das Kohlendioxid-Einsparziel zu erreichen. Es gilt, die E-Mobilität weiterzuentwickeln, um die CO2-Bilanz nachhaltig zu verbessern und in ein umfassendes Mobilitätskonzept einzubetten.

Schlussendlich herrschte Einigkeit darüber, dass das digitalisierte Elektroauto als „I-Phone auf Rädern“ alleine nicht alle Probleme lösen werden wird und Volkswagen große Anstrengungen unternehmen muss, um zukunftsfähig zu werden.

Mehr Informationen

Pressemitteilung des Fraunhofer-Instituts
Präsentation der Volkswagen-AG
VW-Car-Software
42 Wolfsburg e.V.
SPD-Bezirk Braunschweig

Text und Gestaltung: Carsten Böger.
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